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Unsensibel aber wahr

„Was ist das für ein Geräusch?“ fragte Prof. Arnold. Irgendwas stimmte mit den Meerschweinchen nicht, sie quietschten wie verrückt, so laut, dass Arnold sie am anderen Ende der Telefonleitung hören konnte. Paul versuchte sie zu beruhigen und sprach mit ihnen, als ob sie kleine Kinder wären. „Langweilig ist es euch hier, nicht wahr ihr kleinen Biester, so, dann werde ich euch mal aus dem Stinkekäfig befreien, so, ja, fein macht ihr das“.

Dann war das Telefongespräch plötzlich unterbrochen und das schwarze Meerschweinchen tot. Paul lächelte betreten und liess mich dann mit dem toten Ding alleine. Ich schnappte das lebendige Tier und sperrte es wieder ein. Das schwarze liess ich neben dem Telefonkabel liegen.

"Wir holen einfach ein neues", schlug Jann vor. Wir sassen in Ritas Büro und überlegten uns, wie man das wieder gerade biegen könnte. "Und das Telefonkabel?" fragte ich, obwohl ich den Plan das Meerschweinchen einfach zu ersetzen suboptimal fand. "Das Kabel wird sich wenigstens gleich verhalten wie das alte", meinte Jann. "Zum Glück hat es das schwarze Meerschweinchen erwischt und nicht das fleckige", kicherte Paul. 'Wie unsensibel', dachte ich, und dann auch 'wie wahr'.

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Das Virus im Labor

„Latour postuliert, dass im Labor die Massstäbe umgedreht werden – das Virus kann sich unter optimalen Bedingungen vermehren und wird in diesem Sinne grösser und reiner, als es draussen jemals werden könnte“, sagte Jann. „Auf der anderen Seite kann es der Forscher im Labor plötzlich beherrschen, da draussen ist es übermächtiger Gegner, hier im Labor aber wird es zum Objekt degradiert.“ Jann sass auf dem Tisch vor mir und doziert vor sich hin. Er tat das manchmal, um Texte zu rekapitulieren. Ab und zu strich er mir übers Haar, als wäre ich ein kleines Kind.

Manchmal denke ich, mir erging es an der Forschungsstelle wie dem Virus im Labor.

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Elegante Version von Selbstmord

Ich war nie verliebt gewesen in Jann, noch heute kann ich mir das nicht richtig erklären. Es gab Momente, da hätte ich ihn gerne geheiratet. Es schien mir die elegante Version eines Selbstmordes zu sein, eine, bei der ich mit dem Leben davon gekommen wäre. Ich glaube Jann war auch nie verliebt in mich, auch wenn er wohl ein-, zweimal so einsam war, dass er versucht war es sich einzureden.

Jedenfalls sind wir Freunde geblieben nachdem die Forschungsstelle explodierte. Wir sehen uns nicht sehr häufig und wenn doch, reden wir lieber über allgemeine Themen wie die Liebe oder das Leben als über damals. Ab und zu lästern wir ein bisschen über die Leute, die damals mit uns an der Forschungsstelle waren, aber darüber was wirklich passiert ist reden wir nicht. Eigentlich hätte ich gerne mit Jann darüber geredet, nur weigert er sich sanft und doch sehr stur. Ich hatte ja nur mich selbst verloren und bereits kurz nach der Explosion erfand ich mich wieder weitgehend neu. Ich mag mich, wie ich heute bin. Jann aber trauert noch immer um Theresa.

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Das Meer und viele Kilometer

Marie war entsetzt. „Da kann doch nichts Gutes dabei herauskommen!“ hat sie ins Telefon gerufen. Gleich zweimal hintereinander, als ob sie sowieso schon wüsste, dass ich nicht auf sie hören werde. Ihm zu schreiben sei keine gute Idee, hat sie dann gesagt. Auch zweimal, aber ohne Erfolg.

Natürlich hatte ich darüber nachgedacht und war zum Schluss gekommen, dass eigentlich nichts Gutes dabei herauskommen kann. Denn dass alles gesagt worden ist, was es zu sagen gibt, weiss ich doch. Und ich will ihn nicht mehr heiraten, ich will überhaupt nicht heiraten und wenn dann doch nicht ihn, inzwischen ist er ja noch älter, muss noch viel faltiger sein, die zarten, geplatzten Äderchen, die schon damals sein Gesicht rötlich schimmern liessen müssen sich vermehrt haben. Seine immer etwas geschwollenen Hände, wie sie wohl heute aussehen mögen, von weiteren Jahren gezeichnet?

Eigentlich will ich das alles ja nicht wissen und es gibt nichts mehr zu sagen, aber ich habe ihm wieder geschrieben. Er hat mir wieder geschrieben und ich ihm und ich wiege mich in Sicherheit, weil uns ein Meer und tausende Kilometer trennen, tue so als wüsste ich nicht, wie schnell diese Flugzeuge fliegen heutzutage.

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Zurück in der Heimat

Nach langen Jahren ausserhalb der Heimat bin ich endlich zurück, tut mir leid dass ich dich so verletzt habe, die Situation geriet für mich ausser Kontrolle.
Paul

Mehr stand nicht drin in der Nachricht. Ich habe sofort zurück geschrieben, dass es mir gut geht und dass es nicht alleine sein Fehler war, damals an der Forschungsstelle sei alles ausserhalb jeglicher Kontrolle gewesen. Dass ich hoffe, dass es ihm gut geht. Alle Fragen habe ich wieder herausgestrichen aus dem Mail. So wie damals, eigentlich. Ich hatte mich nicht getraut Fragen zu stellen, weil ich nicht damit umzugehen wusste, wenn er sie nicht beantwortete. Alle paar Minuten schau ich jetzt nach, ob er etwas zurück schreibt. Ob ich vielleicht doch noch Antworten bekommen werde auf all die Fragen, die ich damals nicht zu stellen gewagt habe. Denn wenn er jetzt zurück schreibt, wenn er es doch noch tut, vielleicht habe ich dann den Mut zu fragen.

Natürlich schreibt er nicht mehr. Was soll er auch anderes schreiben als dass es ihm Leid tut. Mehr gibt es nicht zu sagen.

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umdrehen und rennen

„Wenn du ihn siehst, dann rennst du einfach davon“, hatte mir Marie eingebläut. Einfach umdrehen und rennen, wiederholte sie wie eine Beschwörungsformel, umdrehen und rennen. Natürlich ist das grundsätzlich sehr unhöfflich, aber es gibt Situationen, da spielen Höfflichkeiten nun wirklich keine Rolle.

Gerade Paul hatte sich ja nie an die üblichen Regeln gehalten, die man so im Zwischenmenschlichen Umgang sonst einhält. „Warum hast du überhaupt was gesagt?“ hatte er mich verdutzt und gleichzeitig vorwurfsvoll damals gefragt, als ich ihm zu erklären versucht habe, dass wir jetzt eine gemeinsame Geschichte brauchen. Florina hatte mich beim Mittagessen so lange gelöchert, wo der Jann nun geschlafen habe, bis ich ihr die Wahrheit sagte: „Ich weiss es nicht!“

„Ja hat er nun in deinem Wohnzimmer geschlafen oder nicht?“ hatte Florina in die peinliche Stille gefragt. Die anderen kauten verlegen an ihrem Mittagessen herum. Sie hatten schon begriffen, dass ich diejenige war, die nicht in meiner Wohnung geschlafen hatte.

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Wegrennen ging nicht

Bevor ich ihn sah erkannt ich ihn an dem Ausdruck in seinen Augen. Er stand an der Ampel, einen Augenblick länger als der Rest der Wartenden. Er zögerte, bevor er sich auf die Strasse wagte, der Menschenmenge entgegen, die im gleichen Augenblick auf der Gegenseite der Strasse zu gehen begann.

Für einen Augenblick hatte er vergessen wie das funktioniert, das Vertrauen in sich verloren. Ich sah wie er daran zweifelte, dass er den Menschen ausweichen können würde, dass sie ihn nicht niedertrampeln würden als ob er gar nicht da wäre. Diesen Ausdruck in seinen Augen hatte ich dutzende Male beobachtet. Das Trinken helfe gegen die Angst, hatte er mir mal gesagt, manchmal erwischte ich ihn aber auch betrunken beim Zögern.

Dann sah ich ihn. Gerade noch rechtzeitig konnte ich wegschauen. Wegrennen wagte ich nicht, auch wenn es die beste Lösung gewesen wäre.

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Der Sohn vom eigentlichen Zahnarzt

„Ich habe ihr Foto in der Zeitung gesehen, wegen der Kommune“, sagte Herr Wolf und strahlte über das ganze Gesicht. Links oben hatte er einen weiteren Zahn verloren. Offenbar weigerte er sich noch immer, mit seinem Zahnarzt zu sprechen und einen neuen zu suchen in seinem Alter, hatte er mir mal ungefragt erklärt, lohne sich einfach nicht mehr. Sein Zahnarzt sei ja sowieso nur der Sohn von seinem eigentlichen Zahnarzt, erzählte er mir damals weiter, das sei an sich schon eine seltsame Sache. Jahrelang habe er den Jungen nackt an einem italienschen Strand spielen sehen auf einem Foto in der Praxis seines Vaters. „Und plötzlich steht der Kerl lang gezogen und mit einem Bart im Wartezimmer und ruft meinen Namen“, empörte sich Herr Wolf.

Der Sohn des eigentlichen Zahnarztes hatte vor drei Jahren eine kurze Affäre mit Herrn Wolfs Tochter und seither weigerte sich Herr Wolf beharrlich, mit ihm zu sprechen. Da Herr Wolfs Tochter zum Zeitpunkt der Affäre knapp sechzehn Jahre alt war und der Sohn des Zahnarztes an sich verheiratet, und dass auch noch glücklich, wie Herr Wolf aus den Fotos an den Wänden der Praxis schloss, konnte ich natürlich verstehen, dass Herr Wolf nicht gut zu sprechen war auf den Sohn seines eigentlichen Zahnarztes. Warum er sich aber lieber Zahn um Zahn aus dem Mund faulen liess als einen anderen zu suchen, habe ich nie verstanden.

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Berühmt in der Presse

"Sie sind ja jetzt berühmt in der Presse!" hat Herr Wolf quer über den Platz gerufen. Neugierig hat er dann später in den Kinderwagen reingeschaut und wieder hoch zu mir und wieder auf das Kind. "Das ist Frau Grabers Baby", habe ich gesagt. Ich weiss auch nicht wie ich auf die Idee gekommen bin zu lügen. Es ist einfach so passiert. "Das häuft sich bei dir, dass etwas einfach so passiert", hat Jann mit mir geschimpft später. Ausgerechnet er sollte mir nicht mit so Vorwürfen kommen.

Herr Wolf hat über seine Rückenprobleme geklagt und mir den neuen Goldzahn gezeigt, den er sich hat machen lassen. "Wenigstens mit den Zähnen haben sie also keinen Ärger mehr", hatte ich gesagt. "Ja aber ich habe jetzt hier unten wieder was, sehen Sie?" hat er geantwortet und mir sein aufgerissenes Maul entgegen gestreckt. "Sie stinken fürchterlich aus dem Mund", habe ich gesagt. Natürlich nicht wirklich, aber immerhin.

 

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